Martha CramerClaus Geiss, Sabine Braun

Das Zentrum der Welt

Es gibt Adelige, die laden Fernsehteams in ihre Gemächer oder Hochzeitsgesellschaften an die Tische ihrer Vorfahren. Louis von Adelsheim tut das nicht. Er verwandelt seine beiden Schlösser und seinen Park gerne zu riesigen Projektionsflächen – und ließ nun zum zehnten mal die Kleinstadt Adelsheim als großes Gesamtkunstwerk leuchten.

Künstler, Lebenskünstler, Filmemacher, Ausstellungsmacher, Weltbürger, Adelsheimer. Louis von Adelsheim lebt viele Leben – und tankt Kraft in der inspirierenden Ruhe seiner Schlossbibliothek. Foto: Claus Geiss

Künstler, Lebenskünstler, Filmemacher, Ausstellungsmacher, Weltbürger, Adelsheimer. Louis von Adelsheim lebt viele Leben – und tankt Kraft in der inspirierenden Ruhe seiner Schlossbibliothek. Foto: Claus Geiss

Das Zentrum der Welt liegt am Toto-Lotto-Laden. Es ist bunt, es blinkt und es sieht aus wie das berühmte Banner am New Yorker Times Square. Das ist es auch. Aber was hat zwischen den Leuchtreklamen japanischer Elektronikmarken ein Eisenwarengeschäft aus dem Odenwald zu suchen? Louis von Adelsheim hat es in seine Videoprojektion hineinmontiert und der globalisierten Werbung einen badischen Anstrich gegeben. Im August verwandelte verwandelt er die Kleinstadt wieder in ein erstaunliches Gesamtkunstwerk – einschließlich Kirchen, Schlösser und Läden.

„Mit ‚Adelsheim leuchtet‘ simulieren wir eine Großstadt – mitten im Odenwald“

„Adelsheim leuchtet“ ist keine Marketingaktion, auch wenn die Veranstaltung jährlich bis zu 5.000 Besucher in den Ort bei Heilbronn zieht. Keine Agentur hat das Konzept erdacht, sondern der Baron, und die ganze Stadt macht mit: Geschäftsleute dekorieren ihre Schaufenster um, Anwohner bewirten ehrenamtlich die Gäste, der Bauhof dimmt seine Straßenlaternen herunter, Beamer leuchten aus Badezimmerfenstern.

Louis von Adelsheim liebt sie: die „blaue Stunde“ – wenn die letzten Sonnenstrahlen durch den Schlosspark leuchten und die einsetzende Dämmerung langsam die Leinwand für die nächtlichen Projektionen aufzieht.

Trotz eines Zuschusses aus dem Innovationsfonds Kunst des Landes trägt sich die Aktion durch den Kartenverkauf – und das Engagement der Bürger.Auf der Fassade der evangelischen Stadtkirche wandern Brot, Wein und Fische auf einem Fließband umher, während am Unterschloss die Schlote einer Raffinerie dampfen. „Wir simulieren eine Großstadt“, sagt Louis von Adelsheim und lächelt süffisant. Natürlich, weil der Ort mit seinen knapp 5500 Einwohnern alles andere als eine Metropole ist – aber auch, weil das diesjährige Motto „Zentrum der Welt“ hieß: Der Videokünstler hat Bilder aus New York mitgebracht, das sich ja gern als Mittelpunkt der Erde sieht. Aber er ließ seine Besucher auch in die brodelnden Massen der Ursuppe schauen (in einem eigens dafür ausgehobenen Loch) oder eine Drohne durch Adelsheim fliegen.

Bei jeder neuen Ausgabe von „Adelsheim leuchtet“ wechseln das Motto und die Motive. Sie zeigen, dass Louis von Adelsheim zwar fraglos Adelsheimer ist, aber vorrangig Weltbürger: Seit Jahrzehnten reist er für seine Dokumentationen um die Welt. In Chile hat er eine zweite Heimat gefunden – hier würdigt ihn 2017 das Museo de Arte Contemporáneo MAC in Santiago mit einer Einzelausstellung. Zum zweiten Mal, dann mit einer gesellschaftskritischen Installation, die auch Bezüge zum Stammsitz seiner Familie aufweist. In Adelsheim, wo die Freiherren seit dem 13. Jahrhundert leben, gibt es die zweitgrößte Jugendstrafanstalt Deutschlands. „Innen ist außen“ hatte er seine Langzeitdokumentation genannt, für die er Insassen befragte – und seinen Film anschließend auf die Außenmauern des Gefängnisses projizierte. In Chile setzt er seine Arbeit über die Zustände in Gefängnissen fort.Als was sieht sich Louis von Adelsheim selbst? Als Künstler? Als Filmemacher? Als Baron? „Ich bin ein Gypsie“, sagt er dann in Anspielung auf seine Projekte auf der ganzen Welt – und wohlwissend, dass ihn das Erbe seiner Familie, das unterhalten werden will, an diesen Ort weitab der eigentlichen Metropolen bindet.

Sehgewohnheiten werden verändert und profanen Orten wird eine unverhoffte Poesie zuteil – das macht „Adelsheim leuchtet“ erlebenswert.

Künstlerisch betrachtet setzt das, was er in Adelsheim zeigt, die Arbeit vieler Jahre fort: In den 80er Jahren hatte er erstmals in New York mit Spiegeln und Filmen in der Endlosschleife experimentiert. Zwei nebeneinander stehende Fernseher gaben von einem Apparat zum nächsten Statements zum damaligen Ost-West-Konflikt ab. Das Prinzip, dass ein Bild das andere kommentiert, wird heute fortgeschrieben – auf Fassaden, Teilen der Stadtmauer, Leinwänden, die er in die Landschaft montiert. Im zehnten Jahr von „Adelsheim leuchtet“ hat er Künstler wie Till Nowak, Christian Olivares und Emanuel Finckenstein zu Gast. Juan Castillo lässt einen Schriftzug in der Wüste verbrennen, während sich Stefan Roloffs „Moving Paintings“ zu freundlichen Visagen oder Fratzen formieren.

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Die nächtliche Großstadt in der nächtlichen Kleinstadt: New York leuchtet in Adelsheim. Foto: Claus Geiss

Wer wollte, konnte nach Sonnenuntergang einfach durch den Ort spazieren und die bunten Bilder der zehnten Jubiläums-Ausgabe von „Adelsheim Leuchtet“ auf sich wirken lassen. Wer sich einließ, den stimmte diese Installation auch nachdenklich. Das Zentrum der Welt mag nicht in Adelsheim liegen. Vielleicht einfach nur in uns selbst – in „Badisch Sibirien“, wie die Adelsheimer ihre Gegend gern nennen, kam man ihm aber einmal mehr ein Stück näher.


 

www.adelsheim-leuchtet.com