Martha CramerClaus Geiss

Das Experiment

Als Kind wollte Claus Kropp Bauer werden. Dann Archäologe. Heute ist er beides. In Lorsch hat der 31-Jährige das Glück gefunden – im experimentalarchäologischen Freilichtlabor Lauresham.

Darius und David sind wahre Urviecher. Robust und gutmütig. Zwei Ochsen wie aus dem Bilderbuch. Oder besser: wie aus dem 8. Jahrhundert. Denn danach soll es an diesem Sonntag in Lorsch aussehen. Die beiden ziehen einen hölzernen Karren und begleiten eine Mittelaltertruppe, die aussieht, als sei sie ein Gefolge von König Ludwig des Frommen, bis zur Lorscher Königshalle. Und weil die beiden zwar Urviecher, aber auch störrisch sind, muss Claus Kropp mit. In einem Wollumhang und mit Lederschlappen führt der Archäologe die beiden die Straße entlang, an Autos und Verkehrsschildern vorbei. Und dann wieder dorthin zurück, wo es aussieht wie vor 1200 Jahren: nach Lauresham. An einen Ort, der sich experimentalarchäologisches Freilichtlabor nennt. Im Grunde genommen aber nichts anderes als gelebte Geschichte ist. Und so etwas wie der Traum von Claus Kropp, der als Kind immer Bauer werden wollte, dann Archäologe – heute ist er beides.

Seit 2013 leitet der 31-Jährige eine Art frühmittelalterlichen Herrenhof – ein „Wirtschaftshof mit zentraler Funktion“, wie er selbst sagt. Mit lebenden Tieren, nachgebauten Häusern und Gerätschaften. „Alles, was wir hier zeigen und nutzen, hat es früher gegeben – die Frage ist nur: wie? Mit welchen Karren zogen die karolingischen Bauern einst in den Krieg? Wo und wie lebten sie? Und wie kleideten sie bei solch einem Heereszug, welche Waffen trugen sie?“

An diesem Sonntag gibt es einige Menschen, die darauf Antworten geben. Denn die Gruppe „Reges Francorum“ ist auf Claus Kropps Einladung nach Lauresham gekommen und auf das Leben im Frühmittelalter spezialisiert: Gemeinsam ziehen ihre Mitglieder regelmäßig in Freilichtmuseen und testen das dortige Inventar auf seine Alltagstauglichkeit. Doch erst einmal leihen die Mittelalter-Freunde dem „Laborleiter“ ein Paar karolingische Lederschlappen, dessen übliche Berufskleidung im Freilichtlabor so gar nichts mit historischer Gewandung zu tun hat. Dann richten sich die Männer und Frauen in den 21 Gebäuden ein, die mit Hilfe von Archäologen, Historikern und Handwerkern, die sich auf alte Techniken spezialisiert haben, im vergangenen Jahr errichtet wurde. Der gesamte Herrenhof umfasst neben dem Herrenhaus auch Scheunen, Stallungen, Werkstätten und eine Kapelle.

Als 1991 das Kloster Lorsch in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen wurde, gab es nur wenige verbliebene Bauwerke: Die berühmte Museumsbibliothek der einst wegweisenden Benediktinerabtei war längst zerstreut, ein Großteil der Gebäude über die Jahrhunderte abgerissen worden. Als Claus Kropp 2005 damit begann, als Heidelberger Student Besucher über das Gelände zu führen, hatte er eigentlich nicht viel zu zeigen: die Königshalle, ein Kirchenfragment auf einer eiszeitlichen Flugsanddüne, die Klostermauer – und dazu viel Grün und Fundamente unter Rasen, eigentlich nichts was dabei half, sich die Menschen der Karolingerzeit wirklich vorzustellen. 2009 dann beschlossen Stadt, Bund und Land eine umfängliche Überarbeitung und Erweiterungsmaßnahme rund um das Weltkulturerbe. Unter anderem eine Art Museumsdorf östlich des Klostergeländes am Ortsrand zu errichten. Mit Tieren, Häusern und einem großen Anspruch: alles in Lauresham sollte funktionstüchtig sein. Aber auch wissenschaftlich fundiert.

So könnte in der Karolingerzeit das alltägliche Leben ausgesehen haben: Archäologe Claus Kopp trägt für den Fototermin spezielle leidung, die nach historischen Vorbildern angefertigt worden ist.

So könnte in der Karolingerzeit das alltägliche Leben ausgesehen haben. Archäologe Claus Kropp trägt für den Fototermin spezielle Kleidung, die nach historischen Vorbildern angefertigt worden ist.

 

Seitdem führt Claus Kropp manchmal auch Ochsen durch den Ort und lässt gelegentlich Szenen nachspielen, wie sie im Leben eines Lehnsherrn und seiner Bauern vorkamen. Er selbst beackert Land, kümmert sich um die Tiere, sät und erntet – alles im Dienste der Wissenschaft. An diesem Wochenende im März geht es um das Thema Wärme. Es ist kalt und regnerisch. Optimales Wetter also, um in den Häusern richtig einzuheizen. Wenn es denn funktioniert. Denn in einem will der Rauch nicht richtig abziehen, während im anderen der eiskalte Wind durch die Ritzen dringt – und die „Reges Francorum“-Leute kurzerhand Wolle hineinstopfen. „Wenn Archäologen ein karolingisches Haus finden, dann in der Regel keine ganzen Häuser, aber immer wieder Fragmente, die Rückschlüsse auf Baumaterialien und Ausführungen zulassen “, sagt Kropp. Wie die Dächer, die Türen und Fenster, Wände und das Inventar aussahen – hier wird es erprobt und getestet, begleitet von Temperatur- und Luftanalysen.

Welche Pflanzen, welches Obst und welches Getreide aß man in der Karolingerzeit? Man weiß verhältnismäßig viel darüber, etwa durch die überlieferte Krongüterverordnung Karls des Großen. Aber man weiß nicht, warum man damals hügelige Felder anlegte. Oder warum man Getreide und Leindotter gemeinsam anbaute. Das neu entstandene Lauresham selbst hat es so nie gegeben – schon gar nicht an dieser Stelle, die regelmäßig von der Weschnitz überflutet wurde. Die eigentliche außerklösterliche Siedlung in der Karolingerzeit muss in etwa dort gelegen haben, wo der heutige Ort Lorsch ist. Darüber hinaus zeigt die Mustersiedlung verschiedene Haustypen, wie man sie in verschiedenen Gegenden Deutschlands ausgegraben hat, in Mannheim, Holzheim bei Fritzlar, Speyer oder Kelheim in Bayern. „Schon damals gab es regionale Unterschiede in der Bauweise, eigentlich wie heute“, sagt Kropp und dann zählt er auf, was man in Lauresham alles sehen kann: Häuser mit Reetdach oder Schindeln, mit Wänden aus Holz, Lehm oder Stein. Jedes der 21 Gebäude hat ein archäologisches Vorbild. „Was wir zeigen, ist eine Typologie der Möglichkeiten.“

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4,1 Hektar ist die Fläche von Lauresham groß – fünf weitere bewirtschaftet Claus Kropp privat und ist Mitglied im Verein zur Erhaltung der Nutzartenvielfalt. Hier züchtet er mit seiner Familie Hühner, Schafe, Ziegen, Tomaten und Bohnen. „Aber die Sorten, die heute nur noch selten zu finden sind“. Auch Lauresham soll so etwas wie ein Ort des Bewahrens werden: Auch die Tierrassen sind so ausgewählt, dass sie ihren historischen Artgenossen möglichst nahe kommen. Neben den beiden Ochsen, den Hühnern, sechs Schafen, vier Gänsen und zwei Hunden sind bspw. auch Düppeler Weideschweine auf das Areal gezogen. Denn in ganz Deutschland ist die sogenannte Waldweidewirtschaft geradezu ausgestorben. Claus Kropp will das ändern und seine Schweine schon bald in einen ein Hektar großen Wald schicken – zur Eichelmast.

Das Düppeler Landschwein – eine heute selten gewordene Nutztierrasse, die in Lauresham heute nachgezüchtet wird.

Das Düppeler Landschwein – eine heute selten gewordene Nutztierrasse, die in Lauresham nachgezüchtet wird.

In gewisser Weise folgt sein Lebensweg dem des eigenen Großvaters, der noch heute Milchziegen in Amerika züchtet. Aber dabei kein Archäologe ist, kein Wissenschaftler, der nach Dienstschluss an seiner Doktorarbeit schreibt. Hätte er gedacht, seinem Traum jemals so nah zu kommen? Claus Kropp lacht. „Es gibt wenige Menschen, die wie ich das verwirklicht haben, was sie sich immer wünschten.“ Was für Ziele hat man da noch? Seine Träume sind eher kurzfristig angelegt. „Eine Mühle zu bauen, wie es sie damals gab, wäre eine Herausforderung“. Und dann erzählt er vom Zyklus der Dreifelderwirtschaft, nach dem er im Frühjahr nun die Äcker von Lauresham bestellt. Mit Darius und David vor dem Pflug. Claus Kropp hat das große Glück gefunden – irgendwo hier, zwischen den kleinen Häusern eines Ortes, den so in Wirklichkeit nie gegeben hat.


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