Anne JeschkeSebastian Weindel & Überwaldbahn

Auszeit auf Schienen

Durch den Wald, durch den Tunnel, über Viadukte: Zwischen Mörlenbach und Wald-Michelbach im Odenwald fahren Solardraisinen auf der stillgelegten Trasse der Überwaldbahn. Für Geschäftsführer Holger Kahl fügen sich hier Stationen eines ganzen Lebens zusammen.

 

Kühl ist es im Tunnel. Da strampeln sich die 697 Meter ohne Sonnenlicht gleich ein bisschen schneller. Die Lichter an der Decke geben den Blick frei auf feuchten Fels und Sandstein. Langsam schiebt sich die Draisine wieder Richtung Tageslicht: zurück in die Sonne, die ihr Antrieb verleiht. Auf 9,6 Kilometern zwischen Mörlenbach und Wald-Michelbach können seit 2013 Touristen die stillgelegte und denkmalgeschützte Trasse der Überwaldbahn mit Draisinen befahren. Auf den Dächern der gelben Hybrid-Schienenfahrzeuge sind Solarzellen eingebaut. Pro Kabine können bis zu acht Leute Platz nehmen und bis zu vier in die Pedale treten, aber eigentlich muss nur einer. Doch dazu später mehr.

Ursprünglich verkehrte die Überwaldbahn von 1901 an zwischen Wahlen und Mörlenbach, wo sie an die Weschnitztalbahn angeschlossen war. Schon 1983 fuhr der letzte Personenzug auf der Strecke. Ab Mitte der 80er Jahre nutzten nur noch die Coronet-Werke, ein Odenwälder Haushaltswarenhersteller, das Teilstück zwischen Mörlenbach und Unter-Waldmichelbach. Am 31. März 1994 verkehrte jedoch auch der letzte Güterzug. „Die Strecke verfiel zusehends“, erzählt Holger Kahl, Geschäftsführer der gemeinnützigen Überwaldbahn GmbH, die heute die Touristenattraktion betreibt.

Genießt seine spannende Aufgabe: Holger Kahl, Geschäftsführer der gemeinnützigen Überwaldbahn GmbH.

Als die Bahn Teile ihres Geländes veräußern wollte, entschieden der Kreis Bergstraße und die Kommunen Wald-Michelbach, Mörlenbach und Abtsteinach die Strecke zu kaufen – und zu erhalten. „Durchaus mit dem Hintergedanken sie irgendwann wieder für den öffentlichen Nahverkehr zu aktivieren“, erklärt Kahl. Sie überlegten, was zwischenzeitlich aus der Trasse werden könnte. Für eine Rad- oder Wanderroute waren die Gleise im Weg. Und für Draisinen, die allein mit Muskelkraft bewegt werden, die Steigung zu stark. So kam ihnen die Idee mit Elektromotor und Solarzellen – nach eigenen Angaben zu diesem Zeitpunkt eine Weltneuheit.

Eine Gruppe Männer wartet schon in Wald-Michelbach: ein „alter“ Freundeskreis aus Schul- und Studientagen, darunter Männer aus Neustadt an der Weinstraße, Hannover, Bonn und Ulm. „Die Jungs müssen ja auf unseren Ausflügen auch ein bisschen beschäftigt sein“, sagt Uwe Kleinhenz aus Neustadt, der die Idee zum Solardraisinen-Ausflug hatte. „Wir haben nur Wasser mit“, versichern sie augenzwinkernd. Etwas Ähnliches behaupten auch die Studierenden aus Mannheim, die ihre Tour etwas ausgedehnt und damit den Verkehr aufgehalten haben. Denn da die Strecke eingleisig ist, können sich die Ausflügler immer nur in eine Richtung – und hintereinander – auf den Weg machen.

„Es gibt nur sehr wenige Draisinenhersteller weltweit“.

Schon früh um 9 Uhr hatten sich die jungen Leute in Mörlenbach auf die Gleise begeben. „Das hat richtig Spaß gemacht, das ist eine schöne Strecke“, findet Hendrik Raaijmakers. Viele Tiere hätten sie gesehen: Kühe, Pferde, auch Rehe und sogar Blindschleichen. „Und einen Wolf“, brüllt jemand aus der Gruppe. Das Gelächter ist groß, die Stimmung ist bestens. Genau wie bei den Erzieherinnen, die gleich ihren Betriebsausflug starten wollen. Hinter ihnen macht sich ein niederländisches Paar fertig. Die Senioren verbringen ihren Urlaub in Neckarsteinach und sind für einen Tagesausflug nach Mörlenbach gekommen.

Der „Fahrer“ steuert die Draisine über einen Tretgenerator, also die Pedale. Auch drei weitere Sitze pro Fahrzeug haben Pedale – die allerdings gar keine Auswirkung auf die Geschwindigkeit der Draisine haben. „Da geht es eher um die Motivation, ums Gruppengefühl“, sagt Holger Kahl, der selbst auch mitstrampelt, obwohl er nicht auf dem „Fahrersitz“ sitzt. Wer dort Platz nimmt, muss übrigens einen Führerschein vorzeigen. Doch auch derjenige muss weder besonders fit sein, noch sich besonders verausgaben: Wie bei einem Pedelec springt der Elektromotor zur Unterstützung an, sobald man in die Pedale tritt. Zehn Prozent des Anschubs kommen über die Solarmodule, 20 Prozent werden durch die Rückgewinnung von Energie beim Bremsen und bei der Talfahrt eingespeist. Den restlichen Antrieb liefern Akkus, die an der Station mit Ökostrom geladen werden. Bei maximal 15 Stundenkilometern riegelt die Draisine allerdings aus Sicherheitsgründen ab. „Es gibt nur sehr wenige Draisinenhersteller weltweit“, erklärt Kahl. Und ausgerechnet im Odenwald hat sich ein Unternehmen – aus Heimatverbundenheit – für den besonderen Auftrag gefunden. Eigentlich produziert es vor allem Spezialfahrzeuge auf Schienen für den Tunnelbau.

Holger Kahl, der heute in der Nähe von Darmstadt wohnt, ist in Erbach zur Welt gekommen und in Michelstadt aufgewachsen. Der Vater von drei Kindern studierte BWL im Rheingau und den USA. Zuletzt arbeitete er in der Finanzverwaltung des Kreises Bergstraße – von dort wechselte er zur Überwaldbahn gGmbH. „Für mich fügt sich hier vieles zusammen, was ich vorher gemacht habe“, sagt Kahl. „Ich bin Odenwälder und Betriebswirt. Ich kenne viele politische Akteure. Und ich wollte immer gerne ein Unternehmen aufbauen.“ Jetzt arbeite er mit daran, den Odenwald bekannter zu machen.

Eine Reihe an Mängeln auf der Strecke musste behoben werden, etwa in einem der Tunnel und an den Sandstein-Viadukten. Drei große Überführungen mit bis zu 32 Metern Höhe sowie ein kleines Viadukt liegen auf der Strecke. Hinzu kommen übliche Arbeiten, die geplant und beauftragt werden müssen, etwa Grünschnitt an den Gleisen oder die Wartung der Draisinen. Vier Vollzeitkräfte organisieren den Betrieb mit 30.000 bis 40.000 Touristen pro Jahr, in der Hochsaison von April bis Ende Oktober kommen noch Techniker dazu. Bei Holger Kahl laufen also viele Fäden zusammen und Ideen für die Zukunft hat er eine Menge. Manchmal sei er ein bisschen ungeduldig, räumt der Geschäftsführer ein, aber auf der Strecke merkt man ihm die Ungeduld nicht an. Auch er kann die Idylle, den Ausblick genießen: auf rote Ziegeldächer der beschaulichen Odenwald-Dörfer. Auf Berge und Wälder, Weiden und Ackerflächen. Auf das Frühjahrs-Grün in all seinen Facetten. Auf die besonderen Bauwerke wie das 30 Meter hohe Viadukt mit seinen sechs Gewölbebögen, die das Vöckelsbacher Tal überspannen. Holger Kahl genießt es, dass seine spannende Aufgabe ihm auch das ermöglicht: „hier draußen zu sein, statt nur im Büro“.


www.solardraisine-ueberwaldbahn.de