Alles Paletti in Mannheim

Beim Mannheimer Kinder- und Jugendzirkus Paletti kann man nicht nur Zirkuskünste, sondern auch Mut und Selbstvertrauen lernen. Und mit seinem außergewöhnlichen Verein hat der Kulturmanager Tilo Bender ein wahres Kunststück vollbracht.

 

Carla steht auf dem Trapez und schaukelt, als Lotte sich vom selben Turngerät rückwärts herabfallen lässt. Jetzt hängt Lotte, mit den Kniekehlen eingehakt, kopfüber unter ihrer Trainingspartnerin. Darunter gibt eine dicke Matte dem sechsjährigen Mädchen Sicherheit. „Vogelnest“ nennt ihr Trainer Tilo Bender die nächste Figur, bei der die jungen Artisten synchron die Füße knapp über den Händen am Seil platzieren. Elegant sieht das aus. Und mutig. Keine Angst? „Nee, gar nicht!“

 

Tilo Bender könnte heute auch in einer Anwaltskanzlei sitzen. Aber er hat sich nach dem Jura-Studium anders entschieden: für das Zirkuszelt, gegen den Gerichtssaal. Vor etwas mehr als 20 Jahren gründete er den Kinder- und Jugendzirkus Paletti in Mannheim. Heute hat der Verein fast 1000 Mitglieder, davon rund 500 aktive Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Die Kurse sind permanent ausgebucht, die Wartelisten sind voll. Der 42-Jährige ist nicht nur Geschäftsführer und der Jurist des Vereins, sondern auch Zirkuspädagoge und ausgebildeter Übungsleiter. Er hat Kulturmanagement studiert, ist Lehrbeauftragter an Hochschulen in Mannheim und Heidelberg – und Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Zirkuskünste.

Kulturmanager Tilo Bender leitet den Mannheimer Kinder- und Jugendzirkus Paletti.

 

Als Kind ist Tilo Bender nicht öfter in den Zirkus gegangen als andere. Mit zwölf Jahren lernte er jonglieren. „Ich beiße mich gern an etwas fest“, sagt er heute. „Das Glücksgefühl, wenn es irgendwann funktioniert – das prägt“. Also begann er immer mehr Kunststücke zu üben und trat auf Kindergeburtstagen auf, bis irgendwann die Anlässe größer wurden.

Trotzdem dachte er sich nach dem Abitur: „Mach‘ erst mal was Ordentliches.“ Der Sohn eines Anwalts studierte Jura. Das Studium machte ihm Spaß, das Künstlerische war sein Ausgleich. Mit den Auftritten finanzierte er die Uni-Zeit. Anwalt oder Clown? Nach dem Studium hat schließlich sein Herz entschieden.

„Wir bieten nicht nur eine Sportart an, sondern unsere Sportart ist die ganze Welt des Zirkus.“

Noch heute wird Tilo Bender als Clown gebucht, tritt mit Feuer-Jonglage auf oder als „komischer Kellner“, als Bedienung auf dem Einrad. Im Kinder- und Jugendzirkus balancieren junge Artisten bunte, sich drehende Plastikteller auf Stäben – und auf ihren kleinen Fingerspitzen: Janina, Linus, Asra, Leo und Nick. „Weil’s einfach Spaß macht“, sagt Janina. Und Linus wiederholt: „Weil’s einfach Spaß macht.“ Sechs sind die beiden und zucken mit den Schultern. Die Frage, warum sie herkommen, finden sie offensichtlich ganz schön doof. Klar, weil es einfach Spaß macht.

Junge Artisten üben mit bunten, sich drehenden Plastiktellern auf Stäben.

 

Paletti ist ein Sportverein, der aber anders arbeitet als wettkampforientierte Vereine. Halle und Zelt stehen im Gewerbegebiet Pfeifferswörth, zwischen dem Universitätsklinikum und dem Stadtteil Feudenheim, ganz nah am Neckar. 36 Trainer betreuen 15 Gruppen. Acht Festangestellte halten den Betrieb auch hinter den Kulissen am Laufen, drei davon arbeiten Vollzeit. Beim Flohzirkus spielen schon Einjährige gemeinsam mit ihren Eltern. Es gibt freie Trainings und Workshops, zudem spendenfinanzierte Projekte wie den Zirkus Aufwindikus, bei dem Kinder aus sozial schwächeren Familien über den Verein Aufwind Mannheim bei Paletti trainieren. Hinzu kommen Kooperationen, beispielsweise mit Schulen. Dabei geht es nicht nur um Sport, sondern auch um Sprachförderung. Tilo Bender will das inklusive Engagement ausbauen. Demnächst ist eine Vorstellung geplant, bei der behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam auftreten.

 

Der Vereinschef präsentiert stolz das rot-gelbe Zirkuszelt: 24 Meter Durchmesser, 8,50 Meter vom Boden bis zur Kuppel, Sitzplätze für bis zu 550 Zuschauer. Es steht auf dem Platz vor der Trainingshalle. Schon die schmalen roten Sitztribünen, der Sternenhimmel, die großen Techniktürme, das Stahlgerüst für Trapez- und Seilkunst hoch oben über den Köpfen erzeugen Zirkusatmosphäre.

 

Überall Kinder, die sich mit Eis am Stiel abkühlen. Eltern sitzen im Foyer, Großeltern und Geschwisterkinder. Es ist Werkstattaufführung. Die kleinen Artisten zeigen, was sie gelernt haben. Auch Sandra Schreiner wartet. Ob ihr Sohn Florian aufgeregt war, heute vor der Aufführung? „Eher wir“, sagt Vater Marcel und lacht. Florian ist fünf. „Er steht gerne auf der Bühne, hat Spaß bei Aufführungen und ist sportlich begabt“, erzählt Sandra Schreiner. Es gebe wenig Vergleichbares, findet ihr Mann. Ihnen gefalle die Kombination: „Die Kinder lernen Künstlerisches, aber auch Regeln – und sich in die Gruppe einzufügen.“

Spaß ist im Kinderzirkus Paletti garantiert.

 

Das ist auch Tilo Bender wichtig. Die kleinen Artisten sollen selbstbewusst werden. „Sie erfahren hier etwas über ihren Körper und üben feinmotorische Bewegungsabläufe. Sie trainieren Muskulatur, Fitness und Balance.“ Etwa bei der Luftartistik, beim Seiltanz oder beim Einradfahren. Gleichzeitig lernen sie, miteinander zu arbeiten, einander zu helfen und zu vertrauen. Sicherheit sei wichtig. „Die Trainer kennen die Gefahren.“

 

Im Hintergrund schwingen kleine Akrobaten an Ringen, die von der Decke herabhängen, von Kasten zu Kasten. Dann kommt die Gruppe zusammen: Immer zwei halten gemeinsam eine schwere PVC-Kugel fest. Jeweils ein Kind hüpft dann mutig mit beiden Füßen gleichzeitig von Kugel zu Kugel. Auch hier: Die anderen geben ihm Sicherheit. Mit im Training ist der älteste Sohn von Tilo Bender, sechs. Der Jüngere, vier, hat im Hallenteil nebenan gleich Aufführung. Bender schaut deshalb auf die Uhr, den Auftritt darf er natürlich nicht verpassen. Seine Tochter ist noch zu klein für Kunststücke.

 

Benders „Branche“ hat nicht den besten Ruf. Vorurteile bekommt auch der Mannheimer „Zirkus-Direktor“ gelegentlich zu spüren. Dann erklärt er, dass Paletti etwas anderes ist als ein traditioneller Familienzirkus. Dass ein pädagogischer Gedanke dahintersteckt. Und dass keine Tiere ins Programm gehören, die nicht artgerecht gehalten werden. „Es gibt schwarze Schafe, die den Ruf der Szene kaputt machen.“ Zirkus sei jedoch zu allererst eine „grandiose Kunstform“, die vieles vereine: Akrobatik, Schauspielerei, Tanz, Musik, Theater. Bender glaubt, dass genau diese Vielfalt so viele Kinder und Jugendliche anzieht. „Wir bieten nicht nur eine Sportart an, sondern unsere Sportart ist die ganze Welt des Zirkus.“ Also alles Paletti in Mannheim.


www.zirkus-paletti.de