Andreas StanitaJulian Beekmann

Alles gut in der Steingasse

Nylondirndl und Kühlschrankmagneten in schwarz-rot-gold … Auch wenn die Sortimente Heidelberger Touristen-Shops austauschbar wirken – in der Altstadt gibt es einen Ort, wie er individueller nicht sein könnte: in der Steingasse überrascht eine authentische Parallelwelt zur Postkartenfolklore.

Von der Heiliggeistkirche in der Altstadt zieht die Steingasse hinab zur weltberühmten Alten Brücke. Auf wenigen hundert Metern Kopfsteinpflaster kann es vor allem bei gutem Wetter ziemlich eng werden. Mit Knopf im Ohr dem Reiseführer lauschend und dem Selfiestick in der Hand, drängt die Besucherlawine Richtung Neckar – und in dieser Gasse erwartet man eigentlich alles andere als Lokale und Geschäfte, die mit Hingabe und Liebe zum Detail von ihren Inhabern geführt werden. Wer genau hinschaut, findet ein authentisches und erstaunlich harmonisches Biotop Heidelberger Altstadtlebens.

 

In der Morgenkühle sind die Glastüren im Casa del Café noch beschlagen. Innen ist es kuschlig warm und der Milchaufschäumer zischt – Casa-Macher Rudolf und Barista Flocki produzieren koffeinhaltigen Nachschub am laufenden Band. Schon früh morgens versammeln sich hier Menschen, die in Heidelberg nicht zu Besuch sind – sondern hier leben. Sie kommen zu einer Uhrzeit, zu der die Reisebusse aus Neuschwanstein noch auf bayrischen Autobahnen feststecken. Universitätsdozenten auf dem Weg zur Arbeit, prallen auf Kneipiers, denen die durchzechte Nacht noch in den Knochen steckt. Bei Croissant und Cappuccino wird lauthals diskutiert. Man streitet um die Tageszeitung, albert herum, erzählt sich den neuesten Tratsch.

Guter Kaffee und immer ein offenes Ohr für die Gäste – im Casa del Café

 

„Mama, Mama, dem Bonbonmann sein Auto!“ Ein kleines Mädchen drückt sich aufgeregt die Nase an der Eingangstüre platt. Der Mann mit der Sonnenbrille im Haar, der aus seinem Lieferwagen steigt, heißt Jens Meier und ist Archäologe – zumindest war er das einmal. Heute interessiert das kaum noch jemanden, besonders nicht seine treu ergebenen Fans. Die gehen oft noch in den Kindergarten oder die Grundschule und lieben sein Geschäft: Die Heidelberger Bonbonmanufaktur.

La dolce vita – Bonbonmacher Jens Maier hat gut lachen.

 

„Ursprünglich bin ich zum Studieren nach Heidelberg gezogen. Nach dem Studium habe ich dann einige Jahre in der IT-Branche gearbeitet, aber irgendwann hatte ich keine Lust mehr, nur vor dem Rechner zu sitzen.“ Jens nimmt einen großen Schluck Kaffee von Flocki, bevor er nebenan den Laden aufschließt. „Das mit den Bonbons war so eine Idee von mir, das musste ich ausprobieren.“

 

 

Hinter dem langen Tresen, der ihm auch als Werkbank dient, steht er und bindet sich die Arbeitsschürze um. Mit einem kleinen Team fertigt Jens täglich mehrere Kilo Bonbons direkt vor den Augen der Passanten. Hausgemachte und weitgehend natürlich aromatisierte „Gutzl“, wie waschechte Heidelberger die Produkte nennen. Süßigkeiten, die nicht bloß den Blutzucker erhöhen, sondern vor allem die Herzen höherschlagen lassen. Statt nur zuzuschauen und einzukaufen, kann in der Bonbonmanufaktur auch selbst Hand angelegt werden. „Ich bringe Leuten gerne das Bonbonmachen bei. Mittlerweile gibt’s kaum eine Woche, in der wir nicht mindestens einen Kindergeburtstag hier im Laden haben. Aber auch bei Erwachsenen steht Selbermachen hoch im Kurs.“

 

Seit fast vier Jahren gibt es die Bonbonmanufaktur in der Altstadt. Ursprünglich befand sie sich in einer weniger frequentierten Seitenstraße der Fußgängerzone. „Als ich von dem Ladengeschäft hier erfahren habe, war die Sache für mich klar: da will ich hin.“ Jens fühlt sich der Steingasse sehr verbunden. Als das Haus verkauft wurde in dem sich die Manufaktur befand, wechselte er die Straßenseite. Jetzt hat er einen sicheren, langfristigen Mietvertrag.

„Es ist mir sehr wichtig zu wissen, dass ich hier nicht bald weg muss. Das Besondere an unserer Gasse ist die Gemeinschaft der Leute – man kennt sich, man unterstützt sich.“

Im Sommer reihen sich draußen Tische, Stühle und Sonnenschirme vor den historischen Fassaden. „Wenn drüben in der Sushibar alles voll ist, dann setzt du dich halt zu Flocki und bekommst dort dein Essen serviert. Sowas gibt’s nur hier bei uns.“ Jens Nachbar heißt Konstantin und ist Sushi-Autodidakt. Er hat bereits vor einigen Jahren die Steingassenseite gewechselt um sich zu vergrößern.

Die Ruhe vor dem Sturm in der Same Same Sushi Bar in der Steingasse

 

Dort wo früher sein Take-Away war, residieren heute die Welldone-Studios. Flo und Sassan, zwei junge Grafiker aus Heidelberg, betreiben hier eine urbane Textildruckerei. Ihre von Kalligraphie und Comic-Art geprägten Heidelberg-Logos sind mittlerweile begehrte Souvenirs.

Urbaner Textildruck made in Heidelberg: die Welldone Studios

 

Schon seit langem sind die beiden Stammgäste in der Steingasse, denn ihr Kumpel Marco betreibt gleich nebenan das „Joe Molese“, Heidelbergs angesagtesten Burger-Tempel. Irgendwie hängt hier wirklich alles mit allem zusammen, das preisgekrönte Brillengeschäft mit der Eisdiele, der Sushiladen mit der Trattoria an der Ecke. „Manchmal wird es auf der Gasse ganz schön eng, aber so ist das eben als Teil einer Familie. Sollte mir das eines fernen Tages zu viel werden, dann zieh ich einfach in die Haspelgasse zur Chocolaterie Knösel.“ Jens scherzt augenzwinkernd. In der beschaulichen Parallelstraße werden seit 1863 die berühmten Heidelberger Studentenküsse produziert. Bis seine Gutzel auf die gleiche Tradition zurückblicken können, müssen noch 150 Jahre vergehen. Aber wer weiß, auf der Steingasse scheint alles möglich.